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Schweizer Fenster- und Fassadenbauer in Not: Materialpreis frisst Marge – eine Branche hofft auf Solidarität ihrer Kunden

News
17.05.2021

Die Coronakrise bringt die Schweizer Fenster- und Fassadenbauer zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten. Die Auftragslage ist zwar gut, doch die überhitzte Nachfrage für Rohstoffe und Zuliefermaterial auf den Weltmärkten führt zu massiven Materialverteuerungen. Das Überleben vieler KMUs in der Branche, die gesamthaft 4’000 Arbeitsplätze umfasst, ist davon nun ernsthaft bedroht.

«Wir jammern nicht einfach auf hohem Niveau, denn wir wissen mit einem enormen Preisdruck in der Fenster- und Fassadenbranche eigentlich unternehmerisch gut umzugehen», erklärt Fabio Rea, Geschäftsführer der Schweizerischen Zentrale Fenster und Fassaden (SZFF). «Ein erzielter Reingewinn von zwei bis drei Prozent auf die gesamte Auftragssumme gilt in unserer Branche schon seit einigen Jahren bereits als Erfolg.» Nun aber hat sich die Situation für die SZFF-Mitgliedsfirmen, wie im ganzen Baugewerbe, pandemiebedingt dramatisch zugespitzt. «Seitens der metallverarbeitenden Zulieferer werden uns drastische Preiserhöhungen weitergegeben, die unsere Mitglieder ihren Kunden in laufenden Verträgen nicht automatisch einfach als Aufpreis weiterberechnen können, wie es die
erhöhten Preise der überhitzten Rohstoffmärkte eigentlich verlangen», so Rea.

Die finanziellen Konsequenzen sind essenziell
Aus diesem Grund hat die SZFF als gesamtschweizerischer Fachverband für ihre 150 Mitgliedsfirmen eine Support- und Informationsoffensive gestartet, um ihre Kunden und die Öffentlichkeit für die Problematik zu sensibilisieren. Schonungslos transparent, denn betroffen von den ausserordentlichen und schnellen Preissteigerungen für Rohstoffe und Zuliefermaterial sind alle Gebäudeprojekte der Schweizer Fenster- und Fassadenbauer, die sich im Planungsstadium befinden. Ihr Anteil ist erheblich: «Die Problematik beeinflusst branchenweit rund 30 bis 40 Prozent der Projekte – und betrifft somit in dieser Grössenordnung den Jahresumsatz unserer Mitglieder. Dieser belief sich gesamthaft auf rund 1,2 Milliarden Franken im 2020», schildert Markus Stebler, Präsident der SZFF und Inhaber der Stebler Glashaus AG. Die finanziellen Konsequenzen sind essenziell, wie Hugues Steiner, SZFF-Vorstandsmitglied und Direktor des Fassadenbauunternehmens Hevron SA, aufzeigt: «Rund 60 Prozent des Umsatzes entfallen auf den Materialeinkauf. Bei den von uns nun aufzunehmenden Preissteigerungen entstehen Mehrkosten in Höhe von drei bis vier Prozent des jeweiligen Jahresumsatzes.» Die massiv gestiegenen Materialkosten vernichten also die branchenüblich ohnehin geringe Marge.

Preise über ein Jahr vorab fixiert
Das liegt auch am Prozedere bei der Auftragsvergabe: Die Materialpreise werden bei der Vertragserstellung fixiert. Der Einkauf wird aber erst getätigt, wenn die Objektplanung vollständig abgeschlossen ist – in der Regel rund ein Jahr später als der Zeitpunkt des Vertragsabschlusses. Warum die Lager dann nicht einfach auf Vorrat gefüllt sind? Jede Fassade ist ein Unikat. Demgemäss kann für jedes Gebäude das Fassadenmaterial nur massgeschneidert produziert werden. Allfällige Preisschwankungen waren dabei in der Vergangenheit überschaubar, so dass die Schweizer Fenster- und Fassadenbauer das kalkulierbare Risiko tragen konnten.

Jetzt aber droht die Mehrheit der angelaufenen Projekte zum Verlustgeschäft zu werden, wie die Kundenstruktur der Schweizer Fenster- und Fassadenbauer zeigt: Lediglich 20 Prozent der Aufträge stammen aus der öffentlichen Hand (Bund, Kanton, Gemeinden). Hier sind die Verträge an die Indizes gebunden – Materialpreissteigerungen können verrechnet werden. Den grösseren Anteil machen die Verträge mit Generalunternehmern und Privatkunden wie Konzernen, Einzelunternehmen und privaten Bauleuten aus, bei denen die Preise für das Material vertraglich fixiert sind. Hier bleiben die gestiegenen Materialkosten an den Fenster- und Fassadenbauern hängen.

«Aus unternehmerischer Perspektive hoffen wir, dass die Kunden für die ausserordentliche Situation Verständnis haben. Ansonsten ist die Existenz vieler KMU-Betriebe ernsthaft bedroht. Von den 4’000 Arbeitsplätzen in unserer Branche wäre ein Grossteil davon betroffen», sagt Steiner.

Der Lösungsansatz
Der Fachverband setzt daher auf Entgegenkommen und Lösungen, die nicht vorrangig juristischer, sondern vielmehr praxisnaher Natur sind. «Wir appellieren an die Solidarität der Bauherren, die Preiserhöhungen mitzutragen und damit mitzuhelfen, die Bauwirtschaft in der Schweiz zu erhalten. Schliesslich befinden wir uns alle unverschuldet in einer noch nie dagewesenen Epoche», so Rea. So, wie die gesundheitlichen und gesellschaftlichen Aufgaben nur gemeinsam zu bewältigen seien, sollten auch die wirtschaftspolitischen Konsequenzen gemeinsam getragen werden.

Im konjunkturellen Aufschwungmodus gehe leicht vergessen: Auslöser für die massiv gestiegenen Preise und den Mangel an Fenster- und Fassadenmaterial war die Coronakrise. Mit den Restriktionen zur Eindämmung der Pandemie brach im letzten Frühjahr der weltweite Absatz zusammen. Folglich wurden die Produktionen reduziert oder vorübergehend stillgelegt, Lagerbestände abgebaut und ausverkauft. Dann erholte sich die Konjunktur unerwartet schnell und die Nachfrage, beispielsweise aus der Automobilindustrie für Aluminium-Leichtbauteile, stieg wieder rasant an. Dies sorgt seit letztem Herbst zunehmend für Engpässe auf den Rohstoffmärkten. «Die Kapazitäten der Aluminiumwerke sind zum Teil schon für das ganze Jahr 2021 ausgeschöpft», schildert Roland Hörzer, Geschäftsführer der Reynaers Aluminium Schweiz. Vor allem die grösste Werkbank der Welt, China, kaufe für ihr grossangelegtes Nach-Corona-Konjunkturprogramm in grossem Stil Material ein und trage zur Verknappung und Verteuerung auf den Weltmärkten bei – bekanntlich für alle Werkstoffe, von Holz über Glas bis hin zu (Edel-)Metallen.

Preise gehen durch die Decke – Lieferungen verzögern sich
Der Blick in die Marktstatistiken offenbart: Im zurückliegenden Quartal stieg der Aluminiumpreis der Londoner Metallbörse (London Metal Exchange; LME) um rund 23 Prozent und in der Jahresbetrachtung sogar um 47 Prozent. Der Preisindex für Warmband (ein Zwischenprodukt der Stahl- und Nichteisenmetallerzeugung) kletterte um über 50 Prozent. Der Brent-Index (Ölpreis) stieg über die letzten drei Monate um 22 Prozent und im Jahreszeitraum sogar um über 200 Prozent. Der Ölpreis wirkt sich direkt auf die Energiepreise aus. So beträgt der Energiezuschlag beim Glas derzeit bis zu 12 Prozent pro Kilogramm, je nach Glasdicke. Darüber hinaus sind alle Gummidichtungen, Isolationen und Kunststoffteile von Preissteigerungen bis zu 70 Prozent betroffen. «Da wir unsere qualitativ hochwertigen und nachhaltig produzierten Halbwerkzeuge nur aus der Schweiz und Europa beziehen, kommt der kritische Euro-Franken-Kurs als finanzieller Risikofaktor hinzu», ergänzt Stebler. Auch könne niemand exakt voraussagen, wann die Materialpreise wieder fallen. Marktanalysten gehen von mindestens noch sechs bis acht Monaten aus, bis sich die Preise auf gewohntem Niveau stabilisieren.

Die geringe Verfügbarkeit an Rohstoffmaterial führt neben den überdurchschnittlichen Preiserhöhungen zu langen Lieferzeiten. Die üblichen Lieferfristen von zwei Wochen verlängern sich derzeit auf zwölf bis 18 Wochen. Tendenz steigend. «Wir werden uns dennoch nicht ausserhalb Europas nach Zulieferern umschauen, wir halten an der hohen Qualität fest und legen trotz der schwierigen Zeit sehr viel Wert auf Nachhaltigkeit. Wir produzieren in der Schweiz weiterhin mit Material von Schweizer und europäischen Lieferanten», sagt Steiner. Noch jongliere man in der Branche erfolgreich mit allen Beteiligten und grossen logistischen Anstrengungen. «Es zeichnet sich», so SZFF-Präsident Stebler, «jedoch schon heute bei einigen unserer Mitglieder ab: Gebäude werden nicht termingerecht fertiggestellt, es drohen Baustopps. Trotz guter Auftragslage könnten wir aus Gründen der Materialknappheit bald gezwungen sein, die Produktion in unserer Branche erneut herunterzufahren und zum Teil wieder Kurzarbeit einzuführen.»